Touristen-Bashing – Fremdenhass in Berlin
pEtEr Withoutfield am Montag, 30. Juli 2012, 17:02 Uhr
(Foto via)
Nie kann man es den Berlinern recht machen. Seien es die Schwaben, die Neuköllner Hipster, die Kiez-Taliban, die aggressiven Fixi-Biker oder die Dänischen Investoren. Immer beliebter werden aktuell die Berlin-Touristen, von denen jedes Jahr mehr nach Berlin reisen und sich in “unserer Stadt” bisher pudelwohl fühlten.
Doch wenn man als Tourist so durch Kreuzberg läuft und sich einmal die ganzen Sticker und Graffiti etwas genauer ansieht, wird man mindestens ein mulmiges Gefühl bekommen. Dort liest man “Berlin <3 you" allerdings mit durchgestrichenem Herzen oder auch "Touristen fisten".
Im Görli werden Menschen, die wegen ihrer Kleidung als Touristen enttarnt wurden, mit Flaschen beschmissen und in einem Kreuzberger Cafe zahlen nicht Einheimische 20% mehr. Und dabei reichen Reiseführer auf dem Tisch und eine Kamera als Beweis.
Update: Beim letzten Punkt scheint es sich um eine Ente zu handeln! Zumindest laut einem Kommentare auf Qype:
Zufällig wohne ich hier und bleibe dabei: es ist ein Rabatt für Stammkunden, den man in vielen anderen Läden (Videotheken, Kaufhäuser) etc. auch bekommt. Für ein Café sicher ungewöhnlich, aber deswegen nicht verwerflich.
Argumente gibt es selten, dafür umso mehr Ressentiments gegen Touristen. Die Geisteshaltung erinnert teilweise an einen Diskriminierungsmechanismus, den eine Bielefelder Forschungsgruppe zum Thema »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« unter dem Stichwort »Etabliertenvorrechte« beschreibt. Die Annahme, dass mehr zu sagen und größere Rechte haben müsse, wer schon länger an einem Ort lebe, ist charakteristisch für dieses Denken. In Berlin ist es offenbar weit verbreitet.
Im Tagesspiegel liest man zudem von der Idee Bio-Läden anzugreifen, weil diese zu teuer sind und von Kennzeichnungpflicht für Touristen. Angeblich alles ironisch gemeint.
Aber sonst geht’s noch?
Natürlich spülen Touristen nicht nur Geld in die Stadtkassen und die unzähligen Hotels, Hostels und Ferienappartements, sondern können auch durchaus nerven. Seinen es grölende Horden von betrunkenen Heranwachsenden, die von Kneipe zu Kneipe ziehen oder die gefühlt zigtausend Rollkoffer, die über die Trottoir dieser Stadt gezogen werden.
In jeder freien Baulücke werden neue Hostels hochgezogen und schicke Mietwohnungen werden zu Ferien-Appartements ausgebaut, teuer vermietet und stehen nicht mehr als normale Wohnungen zur Verfügung.
Aber hey: Warum lassen die Touristenhasser ihren ganzen Frust und Unmut an den Touristen aus?
Ist es denn nicht eher so, dass man einmal erneut deutlich sieht, wie unfähig Berliner Politiker sind und in dieser Angelegenheit absolut versagen? Sie geben der Gentrifizierung keinen Einhalt, es bekommt der den Zuschlag, der am meisten Geld hinlegt.
Dazu die “Hipster Antifa Neukölln” im Interview mit der Berliner Zeitung:
Wir wollen diejenigen provozieren, die Hipster, aber auch Touristen und Zugezogene dafür verantwortlich machen, dass die Mieten steigen, die ihnen die Schuld an der Gentrifizierung geben. In vielen linken Gruppierungen gilt die Auffassung, Hipster und Touris oder auch Studenten und Künstler seien das Problem. Sie seien schuld, dass sich andere ihre Wohnungen nicht mehr leisten können. Auch die Stimmung auf der Straße geht in diese Richtung. Linker Aktionismus, der sich früher stärker gegen Staat und Polizei richtete, wendet sich heute, zumindest hier in Berlin, auch gegen Zugezogene und Hipster. Das ist aber viel zu einfach gedacht.
Macht den Politkern Dampf unterm Arsch und nicht den Touristen!
Ähnliche Beiträge
-
Umfrage der Forschungsgruppe Blogrebellen zur Wahl i...
Zu unserer Party am kommenden Wahlsonntag habe ich euch ... -
Blogrebellen Party zur Wahl in Berlin
Die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin ist schon seit ... -
Berlin spricht wieder (in lustigem Englisch)
Ein gutes Jahr ist es her, als ich den ... -
Fête de la Musique Berlin 2012 Blogrebellen Program...
Kurzinfo: Donnerstag 21. Juni, 16:00 – 22:00 Uhr Cuvrystrasse ...
Ein Beitrag von
pEtEr Withoutfield
Selbsternannter Crossover-Medienterrorist, Musik-Nerd und Social-Media-Schleuder.
-
[...] gibt auch ganz andere Ansichten zur Touristen-Fisten-Debatte und das ist auch gut [...]





Du hast echt ein gutes Themengespür, Peter. Heute abend in der abendschau kommt ein Stück zu dem Thema!
Ihr geht mir eh voll auf den Sack.
Ah… die Zugezogenen sind schuld. Moment, aus welcher Ecke hört man das sonst immer?
Hört Bitte uff mit euren dreckigen Nazi-Vergleichen. Mit sowatt in ne Diskussion zu jehn is einfach nur traurig.
Danke für diesen Kommentar!
@TonTorte
Wie oben bereits beschrieben, wenn die Mechanismen dieselben sind…..
walks like a duck, talks like a duck? call it a duck
Es ist echt erschreckend, was man teilweise so auf Plakaten lesen muss. Wenn Berlin Weltstadt sein will, dann muss sie auch tolerant genug sein. Das ist Berlin ja zum Glück auch mehrheitlich, aber leider gibt es immer wieder Leute, die immer die Schuld bei anderen suchen.
Kommentar eines Zugezogenen!
Sack Sack! Raus Raus!
(Als wenn das irgendwo, in irgendeiner Großstadt mit den üblich lächerlichen Szenevierteln anders wär. Menschen. Kein Grund zur Besorgnis, wird eh alles nix)
@nörgler: Ach so! Also schön oberflächlich in n Topf packen und nen Stempel ruff oder watt?
Dann bist du mit deiner “walks like…, talks like…, call it…”- Attitüde näher am braunen Gedankengut als es mir lieb ist. Natürlich nur, sofern ich diesen vergleich ziehen und zulassen würde. Dies tue ich allerdings nicht und würde dich bitten ebenso davon abzusehen, da ein derartiger Vergleich den Personen, welche eine evtl. begründete persönliche Antipathie gegenüber Zugezogenen “Berlinern” haben, nicht gerecht werden würde!!!
“begründete persönliche Antipathie gegenüber Zugezogenen “Berlinern”
Da hammer ja son Hater.
Alter, du bist sowas von raus, das glaubst du selbst noch nicht.
Muss ich jetzt Angst haben wenn ich zum Malen und Platten diggen nach Berlin komme? Keine Angst, nach ner Woche bin ich wieder weg. Länger halt ichs einfach nicht aus in Städten wie Berlin, HH oder Köln: D
Ganz im Ernst, mir geht diese “Berlin is wat besonderet”-Geschwafel böse auf die Eier. Bis 1989 hat Berlin aufgrund seiner Enklaven-Situation einen Dornröschenschlaf gelebt, was Gentrifizierung, Wohnungsmarktwandel etc. betrifft. Das hat sich dann auch bis in die späten Neunziger nicht wirklich dramatisch geändert.
All das machen aber Städte wie Frankfurt am Main, München, Köln oder Hamburg seit Jahrzehnten immer wieder durch. Und diejenigen, die jetzt am lautesten schreien, sind meist die, die wie bei Sven Regeners “Herr Lehmann” vor 30 oder 20 Jahren “rüber nach Berlin” gemacht haben, weil es a) so billig , b) so indie und c) schon so hipp war.
Und ja, ich kenne die Leute, die aus Bochum oder Buxtehude nach Berlin gemacht haben, seit 20 Jahren hier leben und als erstes “icke” statt “ich” sagen und Sterni bestellen, weil sie das als “Berliner” auszeichnet.
Ich kenne genügend “Ur-Berliner”, die weit aus weltoffener sind, als diejenigen, die sich jetzt unter dem Pseudonym “Hipster-Antifa” als Berliner Kiezsprachrohr ausgeben. Gentrifizierung ist kein Berliner Problem, es ist ein nationales, europäisches und globales Problem und ja, Peter hat Recht, dass man hier an die Politik ran muss.
Auch wenn “gefühlte zehntausend Rollkoffer” nerven, das ist in der Frankfurter Zeil , St. Pauli oder der Kölner Domplatte keinen Deut anders. Berlin ist nun Mal Hauptstadt, mit allen Vor- und Nachteilen. Es wird Zeit, dass die Mauer in den Köpfen einiger “Berliner” endlich fällt.
Wir haben ein mittelständisches Unternehmen in Süddeutschland. Wegen der Internationalität haben wir unseren Servicestandort in Berlin, da wir hier Leute finden, die alle möglichen Sprachen sprechen. Daher pendle ich und habe einen zweiten Wohnsitz in Berlin. Nach den neuesten Anfeindungen habe ich mir gedacht, dass ich den Berlinern im süddeutschen Stammbetrieb nicht zumuten kann bei uns Schwaben zu leben. Damit sie nach Berlin zurückkehren können, habe ich ihnen noch in der Probezeit gekündigt.
@Fleix: omg bist du lustig. Mit deinem Humor und diesem nach, Schulkarriere frühzeitig abgebrochen, wirkenden Satzbau stehen dir zumindest im Anspruchsvollen Vormittags- Programm von RTL alle Türen offen.