Blogrebellen Kreuzberg

Wie sich mein Zugang zur Musik in den letzten 10 Jahren verändert hat

am Samstag, 8. Januar 2011, 16:19 Uhr
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Photo: www.flickr.com/photos/morphomir/

Prolog

Erinnert sich einer von Euch noch an eine Zeit, in welcher man nach Musik dürstete? Erinnert sich einer von Euch noch an eine Zeit, in welcher Musik nicht aus dem Internet, wie Wasser aus der Leitung floss? Als Jugendliche legten wir unser hart gespartes Geld zu mehreren zusammen, um einem Freund zum Geburtstag eine CD von Culture Beat mit Mr. Vain drauf zu kaufen. Das Füllmaterial zwischen den Hits mussten wir mitkaufen und mitbezahlen. Download à la carte gab’s nicht. Ein persönlicher Rückblick von mo. von Phlow.

Das Schürfen nach Gold

Auch während meines Studiums änderten sich die Verhältnisse nicht wirklich. Drei CDs pro Monat waren drin, der Rest meines Geldes wurde für Hardware zur Musikproduktion tapfer gespart… Darum habe ich auch nie Vinyl gekauft. Schade eigentlich.

Besonders geärgert habe ich mich damals über Doppel-CD-Alben, die auf der zweiten CD einfach noch einen Mix des DJs dazulegten. Das bedeutete oft 10 DM extra für eigentlich Nichts. Denn mir lagen die Originale am Herzen, nicht der Mix. So kostete eine CD wie “Torque” der Techstep-Bande um Ed Rush herum um die 40 DM! Wer würde heute noch für Mixe Geld ausgeben? Absurd aus heutiger Sicht angesichts von Mixcloud & Co.

Die erste heftige Konsumwelle

Als ich 2000 über einen Zufall dann in die New Economy rutschte, wurde ich urplötzlich Online-Musikredakteur. Während Investoren ein Millionengeschäft witterten, war ich nur ein Rädchen im Getriebe, das die Goldnuggets aus dem Internet schürfen sollte. Mein Kernbereich war die Plattenabteilung von popkomm.de. Es war subventionierter Musikjournalismus vom Feinsten.

Der Eintritt in den professionellen Musikjournalismus – eine Form des Geschmacksjournalismus – änderte als Momentum radikal meinen Zugang zur Musik. Plötzlich stapelten sich CDs auf meinem Tisch und ich durfte mir bei den Promotussis alles bestellen. Von den abgefahrensten Experimentalplatten bis hin zu klebrigen Pop rutschte alles über meinen Tisch und ich durfte mir die Rosinen rauspicken. Die Gier nahm kein Ende, bis ich nach zwei Jahren überfressen auf dem harten Boden der Arbeitslosigkeit landete. Die Internet-Blase war geplatzt, die GmbH auch. Und die Investoren schütteten unseren Bergstollen zu. Gold gab es hier scheinbar nicht zu finden… Es war eine schöne Zeit, eine noch schönere folgte…

Die Inflation nimmt ihren Lauf

Photo: www.flickr.com/photos/mr_beaver/

Irgendwie tat das gut, dieser Quasiabsturz. In Hochzeiten schrieb ich 10-15 Rezensionen im Monat. Von mindestens 70 Alben, die ich an die anderen Redakteure und freien Schreiber verteilte. Mit dem Neuanfang als Selbstständiger, sortierte ich meine Plattensammlung neu und hörte in Ruhe noch einmal in zahlreiche Alben rein. Bestimmt habe ich in den zwei Jahren als Musikredakteur, um die 500 CDs ins eigene Regal gestellt. Maximal 100 haben es wirklich verdient Album genannt zu werden. Und maximal 30 wurden zu heißgeliebten Evergreens.

In den kommenden Jahren ab 2003 blühte dann mein kleiner Web-Bauchladen Phlow langsam auf und es verschlug mich immer mehr in die DIY-Musikkultur, heute vielen als Creative Commons-, Netlabel- oder auch Netaudio-“Szene” bekannt. Auch hier packte mich wieder der Ehrgeiz und ich fing erneut an Rezensionen zu schreiben. Gemeinsam mit meinem Buddy Sven Swift rockten wir dann voll durchorganisiert gemeinsam Phlow-Magazine.com in (D)Englisch von Ende 2007 bis 2010.

Inflationär was ich mir in der Zeit an Alben, EPs und Sounds gezogen haben. Und noch inflationärer war der Schrott, den ich mir Gigabyte-weise antat. Niemals zuvor liebte ich die Skip-Taste so sehr. Erstaunlich wie wenig Selbstachtung manch ein (Möchtegern-)Musiker bei der Veröffentlichung hat.

Musik mit Geschmack.

2010 ist ein Jahr, in welchem ich Phlow-Magazine.com erst einmal zur Ruhe geschickt habe. Einerseits haben Sven Swift und ich die Idee eines CC-Musikblogs ziemlich ausgereizt, andererseits bin ich müde Musik nach Lizenzen zu hören. Und dann gibt es da noch Ida und Ari, Projekte ganz neuer Art, die mich und Sven abhalten, das Rad weiterzudrehen. Abgesehen davon muss ich auch gestehen, dass Creative Commons-Musik nicht das Gelbe vom Ei ist… Nur gelegentlich. Viel zu oft zerstört eine fehlende Professionalität und der Willen höchstmögliche Qualität zu liefern, den Genuss.

Auch habe ich jahrelang vergeblich auf Drum’n’Bass-Netlabels gewartet, die dicken Sound regelmäßig raushaun’. OK, da gibt es Plainaudio.com, aber das wars. Oder wo finde ich außer bei Budabeats knackige, groovige Downbeats? Auch smarten House jenseits von stumpfen Berlin-zentriertem mnml oder glitzernden Disco findet man so gut wie gar nicht… Ganz zu schweigen von Jazz.

Darum höre ich immer weniger in die CC-Musikwelt hinein. Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik. Ich erwische mich immer häufiger, wie ich lustvoll alte Klassiker ausgrabe. Und ich kaufe Musik wieder: online. Weil es bequem und unkompliziert ist. Weil ich gerne Musiker unterstütze, die Qualität produzieren. Weil Labels die Geld investieren in der Regel mehr darauf achten, was sie in ihren Backkatalog einreihen. Nieten, richtig schlimme musikalische Verbrechen findet man bei seinen Lieblingslabels wie Tokyo Dawn, Shogun Audio oder wie sie alle heißen einfach nicht.

Und dann gibt es ja auch noch die wunderbare Empfehlungskultur – Freunde und Blogger wie P3t3r. Freunde kennen den eigenen Geschmack. Und empfehlen erstklassige Musik und verschwenden nicht meine Zeit. Oder Sie mixen gleich einmalige Sets wie z.B. Matthias Gutjahr oder Mango Aioli und laden den “Scheiss” auf Mixcloud, Soundcloud oder in irgendeine andere Wolke hoch. Schließlich will niemand die Zeit der Freunde verschwenden. Danke dafür!

Ein Beitrag von Blogrebell
Journalist, Webdesigner, Dozent, Internet-Freak und Musikliebhaber.

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9 Kommentare to “Wie sich mein Zugang zur Musik in den letzten 10 Jahren verändert hat”

  1. Matt Headroom sagt:

    Wer so daherredet, hört eines Tages nur noch alte Platten. Spätestenz abba in meinem Alter. Wir hoffen auf Besserung.

  2. mo. sagt:

    @matt Keine Angst… Ich höre immer noch gerne “neue” Musik. Also Musik, die für mich persönlich neu ist. Immer nur auf der Suche nach dem “neuesten Scheiss” zu sein, ist in meinen Augen einfach absurd. So funktioniert aber Musikjournalismus. Das Diktat des NEUEN.

    Zur Zeit habe ich ein paar schöne “alte” Platten für mich entdeckt:

    Towa Tei “Flash”
    Towa Tei “Bug Fun”
    DJ Krush “Stepping Stones”
    Mad Men Compilation 1+2

    wieder ausgegraben

    Roots Manuva “Run Come Save Me”
    “Torque” von No-U-Turn Records
    Talib Kweli “Reflection Eternal”
    Batfinks

    und dann auch jede Menge neue Sounds aus dem D&B-Bereich…

    PS: Sehr schönes Design hier…

  3. Matthias sagt:

    Erlaubt mir, dass ich leicht erröte. Sieht sowieso keiner, denn ich liege mit Smartphone im Dunkeln.

    Ich kann vieles von dem, was du geschrieben hast, gut nachvollziehen. Stillstand, auch persönlich, will doch keiner. Open-mindedness brauchen wir.

    Und Stepping Stones … ein absoluter Klassiker. Muggels said!

  4. marvis sagt:

    Ich kann den Artikel auch gut nachvollziehen. Das schöne ist ja, dass es mittlerweile grandios viel einfacher geworden ist, gute Musik zu finden. Das sollte man nutzen so gut es geht und sich nicht künstlich beschränken.

    Was ich an CC-Musik aber nach wie vor sehr sympathisch finde ist dass ich sie risikolos weiter verwenden kann (z.B. für ein Video). Das habe ich auch schon ein paar Mal gemacht – natürlich nur wenn die jeweilige Lizenz das auch hergab.

    Das stört mich tatsächlich noch sehr an “normal” lizensierter Musik: Es gibt theoretisch unglaublich viele tolle Möglichkeiten, damit neues zu erschaffen, aber es gibt nur selten einen mit vertretbarem Aufwand gangbaren Weg, das auch zu tun.

  5. mo. sagt:

    Was ich an CC-Musik aber nach wie vor sehr sympathisch finde ist dass ich sie risikolos weiter verwenden kann (z.B. für ein Video). Das habe ich auch schon ein paar Mal gemacht – natürlich nur wenn die jeweilige Lizenz das auch hergab.

    – Naja, da kannst Du Dich aber auch sehr gut auf die Schnauze legen. Z.B. wenn die Musiker ein Jahr später in die GEMA eintreten. Schwierig wird es auch, wenn die Musiker Samples verwenden. Lies dazu mal den Artikel von Roland und die zahlreichen Kommentare. Da merkt man dann leider, dass das doch nicht so einfach ist, wie man sich das erhofft.

    http://phlow.net/magazin/netzkultur/1168-gema-verwertung-vs-cc-lizenzen

  6. FC Stoffel sagt:

    Muss da für die CC-Musik in die Bresche springen und nochmal kurz aus Mo’s Artikel zitieren:
    “Bestimmt habe ich in den zwei Jahren als Musikredakteur, um die 500 CDs ins eigene Regal gestellt. Maximal 100 haben es wirklich verdient Album genannt zu werden. Und maximal 30 wurden zu heißgeliebten Evergreens.”
    Sprich: nur 6% der Alben waren es wert öfter gehört zu werden. Und das war ja, wenn ich das richtig verstehe, keine CC-Musik. Ich lese auch fast in jeder zweiten Groove oder De-Bug ein Gejammer über zu viel Output, auch hier geht es nicht um CC-Musik. Ich habe letztes Jahr versucht, mich mal wieder in harte Gitarrenmusik reinzuhören und brav ein paar Mal “Metal Hammer” gekauft. Aber die Flut an mittelmäßigen bis schlechten Metal-Bands ist Legion und ich hab nicht durchgeblickt. Dann habe ich in “Visions” ein paar wenige ausgesuchte Rezensionen über Metalalben gelesen – und damit konnte ich dann was anfangen. Weil die Redakteure für mich den Rahm abgeschöpft hatten.

    Und was lernen wir daraus? Gute Musik zu finden ist nicht leicht. Dafür braucht es Filter, Rezensenten des jeweiligen Vertrauens, Freunde, Radio und glückliche Zufälle. Für die “kommerzielle” Musik gibt es das – weil da die Labels ja auch in die Promotion Geld reinstecken, Anzeigen schalten und dementsprechend Rezensionen bekommen. Für die Creative Commons Szene gibt es das in dem Maße leider nicht. Vielleicht weil die Musikjournalisten für ihre Arbeit zu wenig Anerkennung bekommen und gleich immer unter dem Verdacht der Profilneurose stehen? Kann mir gut vorstellen, dass das auf Dauer frustriert und das Gefühl auslöst in ein schwarzes Loch zu schaufeln. Insofern echt schade, dass Phlow (erstmal?) zur Ruhe geschickt wurde. Ich hoffe aber mal stark, dass es wiederbelebt wird, wenn andernorst wieder mehr Ruhe herrscht. Wäre sonst sehr schade drum.

    P.S.
    Ich empfehle: The Sword – Ages of Winter

  7. mary sagt:

    ist dies ein schuldeingeständnis gegenüber der creative commons szene? verstehe ich zumindest so..

  8. mo. sagt:

    Schuldeingeständnis? Was meinst Du Aleks? Verstehe ich nicht.

    Ich zitiere mich mal selbst: Darum höre ich immer weniger in die CC-Musikwelt hinein. Ich höre mehr auf Empfehlungen von Freunden und höre Mixe, um neue Sounds zu entdecken. Ich bin nicht mehr der Filter, der alles hört, um Neues zu entdecken.

    Aber vielleicht ändert auch das sich wieder… Change is good!

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