Blogrebellen Kreuzberg

Der Musik(er)blogger

am Samstag, 8. Januar 2011, 11:19 Uhr
Tags: , , ,
Abgelegt unter: Lesbar

Was erwarten gewöhnliche Leser, wenn Musiker bloggen?

Sicher keinen fachspezifischen Exkurs in die Harmonielehre oder welches Öl man für die Instrumentenpflege benutzt. Interessanter könnten da eher persönliche Probleme rund ums Thema Musizieren sein, wie eine banale Erkältung wegen der man nun Probleme beim Singen bekommt. Ein wenig Gefühl zeigen, persönlich und intimer werden. So etwas lässt sich dann noch gut parallel twittern mit Arztbesuch, bis hin zu einem Bild der netten Apothekerin bei der man das Medikament holt.

Klar, der private und persönliche Striptease funktioniert immer. Ozzy Osbourne hat schon gezeigt, wie erfolgreich man so etwas medial anstellt und Big Brother, wie Abgrundtief man dies pervertieren kann.

Aber was ist, wenn man als Musiker keinen Bock hat, vor dem lesenden Publikum eine Seelenprostitution hinzulegen? Alle sind sie darüber bestürzt, wenn es um die mangelnde Privatsphäre bei Facebook und Co geht, aber der eigene, innere Spanner will dann doch alles wissen.

Keine Frage, von einem richtig bekanntem Musiker, einem so genannten „Star“ erwartet man solches ja heutzutage. Immerhin können sie derartiges ja auch gut gelenkt, für die Promotion ihrer eigenen Karriere verwenden. Aber was soll ein einfacher, unbekannter Musiker wie ich, dem Publikum schon bieten?

Soll ich wie so zahlreiche andere, so genannte Musikkenner und Musikblogger, dazu übergehen Platten bzw. CDs zu rezensieren? Kann das der Schlüssel sein?

Angenommen, ich verbringe im schlimmsten Fall einen Tag damit, entnervt neue Stücke für einen Gig einzustudieren, nach denen ich wirklich kein Verlangen habe und nebenbei noch einige weniger begabte und lernresistente Gitarrenschüler meine gutmütigen Nerven nebst Blutdruck in ungeahnte Bahnen lenken. An einem solchen Tag habe ich sicher noch zu vieles Lust, aber mit Sicherheit keinen Bock, mir die zugesandte CD einer lausigen Schülerband anzuhören und über diese meine „objektiven“ Eindrücke zu bloggen. Überhaupt will ich als Musiker auch meine musikfreie und auch mal leise Zeit haben.

Ich muss zum Beispiel, wenn ich im Auto unterwegs bin, auch nicht wirklich jedem Fußgänger, Autofahrer und Anwohner hinter doppelt verglasten Fensterscheiben im Umkreis von 10 Kilometern zeigen, welche Musik ich mir gerade mit einer pervers überdimensionalen Soundanlage reinziehe. Ganz ehrlich, ich mache gerne Musik und höre diese auch sehr gerne, aber nach Gigs und Konzerten mag ich einfach meine Ruhe haben. Anschließende mehrstündige Heimfahrten mit aufgedrehter Musikanlage, um den Tinnitus mit dem Subwoofer zu ärgern, halte ich auch persönlich für keine wirklich gelungene Idee.

Klar schreibe ich auch mal über die ein oder andere CD oder ein Konzert, aber auch nur, wenn ich Bock dazu habe. Immerhin muss ich als Musiker nicht anderer Leute Musik konsumieren, um Musik zu erleben. So gerne ich mich auch zur Musik bewege, ist mein Körpergefühl beim Singen und Spielen von Musik doch ein viel intensiveres, direkteres und ausdrucksstärkeres Erlebnis. Wie sollte es denn anders sein, bin ich in diesem Moment doch die Musik selbst!

Wo Nichtmusiker nur auf vorgefertigte Musikschablonen anderer Musiker angewiesen sind, forme ich mir diese. Akkorde, Rhythmen, Noten, Akzente, Dynamik oder auch der Hauch einer Disharmonie – es liegt in meinen Händen, meiner Stimme, meiner musikalischen Idee. Ich bin der Herr und Schöpfer! Mein ist die Musik!

Scheiße – schreibt ihr Konsumentenblogger (wie ihr euch Musikblogger schimpfen lasst) doch über anderer Leute Werke. Aber das ekstatische Gefühl einer kreativen Musiksession durch euch als Musiker, werdet ihr nie erfahren.

Kein Wunder, dass so viele Künstler Drogen nehmen, um sich auch nur annähernd diesem ekstatischen Gefühl wieder künstlich nahe zu kommen. Ein bewunderndes und zujubelndes Publikum – oh, welch Anerkennung. Der Mittelpunkt der Erde oder gar die Welt zu sein. Der Fixstern am Horizont…

Verdammt, was sind Künstler doch für arrogante Schweine!

Brauche ich diese mediale Anerkennung und Millionen von Fans zur Selbstbestätigung? Oder reicht es nicht auch, wenn mein Kind zu mir sagt, ich sei der tollste Papa auf der Welt? Viele bereisen unglücklich die Welt, wo andere in einem kleinen Schrebergarten ihren eigenen zufriedenen Mikrokosmos finden.

Und doch blogge ich und behalte nicht alles für mich. Zeige hier in diesem Beitrag ungewollt Fetzen meines Charakters, Gedanken, offenbare mich offen fremden Lesern. Gewähre Einblicke in meine Seele, zeige mich exhibitionistisch und nackter als es sich viele Datenschützer erträumen lassen. Benutze das Bloggen als persönliches, soziales Ventil in die weite Welt, mit Hilfe von Kommentaren als egomanische Anerkennungsfunktion.

Ja, und wem verdanke ich aber nun eigentlich diesen sinnfreien Seelenstrip?

Der Verantwortliche nennt sich Peter :-) und führt mit ein paar weiteren Leuten seit 4 Jahren diesen Blog namens Blogrebellen. In diesem Sinne noch alles Gute zu deinem/eurem Blog-Geburtstag :-)

Euer Joaquín von MusikZeug.de

Ein Beitrag von Blogrebell
musikalisches und mehr...

Ähnliche Beiträge:

2 Kommentare to “Der Musik(er)blogger”

Trackbacks & Pings

  1. Der Musik(er)blogger | Blogrebellen Kreuzberg « eycooley.de
  2. IHR SEID DIE GEILSTEN! Danke für #4JBR | Blogrebellen Kreuzberg

Kommentar hinterlassen

(notwendig)

nach oben
Startseite
1696 Feedreader

This is a free Wordpress template provided by Mathew Browne | Web Design | SEO